ALL SENSES ARE LOST

Munich (GER), 2022

Transverberation (2022), Jacquardweave, 145 x 200 cm;  Photos by Constanza Camila Kramer Garfias

Transverberation (2022), Jacquardweave, 145 x 200 cm

Photos by Constanza Camila Kramer Garfias

Das Perpetuum Mobile weiblicher Objektifizierung in post-feministischen Zeiten  (german)

I'm tired of rumors starting 

I'm sick of being followed 

I'm tired of people lyin', sayin' what they want about me 

Why can't they back up off me? 

Why can't they let me live? 

I'm gonna do it my way, take this for just what it is

- Lindsay Lohan, Rumors (2004)

 


Ein nicht allzu unbekanntes IG Meme zeigt männliche Repräsentationen zweier Frauen mit überraschend identischem Gesichtsausdruck. Beide in ein Stoffstück gebettet, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augenlieder geschlossen und der Mund sinnlich weit geöffnet. Gegenübergestellt sind Teresa von Avila aus Gian Lorenzo Berninis Skulptur Die Verzückung der heiligen Teresa (1645-1652) und Lindsay Lohan auf einem Paparazzifoto (2007). Während erstere in eine mystische Erfahrung der Transverberation, dem “Einswerden mit Gott“ versetzt ist, befindet sich letztere in einer berauschten Ekstase. Beide von ihren Sinnen losgelöst und objektifiziert. Schwäche, Passivität, Submission und Abhängigkeit werden zu Leitbildern weiblichen Daseins und vom männlichen Subjekt instrumentalisiert. 


Die Übersetzungsdiskrepanz zwischen der männlich dominierten Darstellung und dem Selbstverständnis weiblicher Figuren ist Ausgangspunkt von Constanza Camila Kramer Garfias künstlerischer Kontemplation. all senses are lost ist die erste Ausstellung der Künstlerin, in der sie sich explizit Genderdebatten annähert. Sie befragt fortwährend reproduzierte weibliche Objektifizierungsmechanismen.  


Die Ausstellung setzt sich aus drei Arbeiten zusammen, die sich jeweils gegenseitig referenzieren. Eine Gesamtansicht auf den bespielten Ausstellungsraum bleibt dem Auge verwehrt. Ausschliesslich kleine Gucklöcher geben Einblicke. Eine “Peep Show“, in der die gezielte Blickführung den voyeuristischen Gestus männlichen Blicks imitiert. Der*Die Betrachter*in wird sowohl physisch als auch mental in Bewegung gesetzt und dazu aufgefordert, den gesellschaftlich konstruierten und reproduzierten Blick auf weibliche Figuren zu befragen. 

 

Transverberation zeigt Teresa von Avilà, die christliche Mystikerin, Äbtissin und Reformatorin diverser Frauenklöster. Sie verweigerte sich, durch eine Hochzeit in die benachteiligte Position einer verheirateten Frau zu begeben. Eine Aktivistin, welche die katholische Glaubenslehre zu revolutionieren suchte. Tagebucheinträge, Gedichte und Zeichnungen zeugen von einem emanzipatorischen Bestreben, die dem Papst vorbehaltene Verbindung zu Gott zu demokratisieren und für jedermann/frau zugänglich zu machen. 

 





Diese aktive Stimme in der Entwicklung feministischen Gedankenguts wurde durch die fetischisierende Ikonisierung ihrer Figur verstummt. Die Künstlerin will die selbstbestimmte Stimme Teresa von Avilàs reanimieren und lässt sie autonom in vollem Glanz erstrahlen. In die Komplementärwelt des RGB-Farbmodells getaucht, werden die gewebten Pixel ins Flimmern gebracht. Trotz der neuen thematischen Ausrichtung bleibt die Künstlerin ihrer postdigitalen Ästhetik treu. Das haptisch erfahrbare Textil wird mittels digitaler Techniken des tumbling, hyperlinking und coding bearbeitet. 


In A little more personal verschmelzen die beiden Frauenfiguren. Lindsay Lohans Gesicht findet sich in Teresa von Avilàs drapierter Kopfbedeckung wieder. Nicht unterscheidbar ruhen die beiden ineinander. Der einstige Disney Kinderstar ist auf Schritt und Tritt von Paparazzi Blitzgewittern verfolgt und dem hinter der Kamera dominierten männlichen Blick ausgeliefert. Fotografisch blossgestellt in Momenten der Ekstase, Ausnüchterung oder des Rauschs will die weibliche Fragilität monetär fruchtbar gemacht werden. In ihrem Song Rumors bittet Lohan vergebens um physischen Freiraum, Ruhe und mediale Selbstbestimmung.


Mit ihrer eigens entwickelten Technik der frei flottierenden Fäden greift die Künstlerin in die Struktur des Textilen ein. Sie treibt nicht nur das Gewebe, sondern auch den Webstuhl an technische und ästhetische Grenzen. Diese aus der Webstruktur losgelösten Garne erzeugen ein visuelles Bildrauschen. Mit den beiden Jacquardgeweben eröffnet die Künstlerin die thematischen und visuellen Diskurse, die sie im dritten Teil der Ausstellung weiterspinnt. 

 

Erstmals ausgestellt ist die neue Videoarbeit mit dem Titel Keep a watch on: self-monitoring. Sie zeigt die Künstlerin in einem goldenen Diskotop mit Wasserfall-Ausschnitt, sich sinnlich bewegend vor der Projektion der Teresa von Avilà. In einem scheinbar intimen Moment der Studiosituation setzt sie sich bewusst dem voyeuristischen Blick der Kamera aus. Sie behält dabei die Kontrolle darüber, was sichtbar wird und unsichtbar bleibt. Das Lichtgeflacker verstärkt die Wirkung, indem der Körper der Künstlerin mal in Dunkelheit getaucht, mal vom Lichtstrahl erhellt ist. Im Spannungsfeld zwischen selbstbestimmter Objektifizierung und dessen, was die Kameralinse einzufangen sucht, stellt sich die Künstlerin Fragen, ob Feminismus als Thematik negiert, freigelegt oder heraufbeschwört werden soll. Lässt das Wiederaufgreifen patriarchale Strukturen stagnieren oder befördert es eine Einverleibung feministischen Gedankenguts? Wird das Perpetuum Mobile weiblicher Fremdobjektifizierung jemals zum Stillstand gebracht werden können?

 

Text von Lorena Harauzek


Werksangaben


Transverberation (2022), Jacquardgewebe, 145 x 200 cm

A little more personal (2022) Jacquardgewebe, 145 x 185 cm

Keep a watch on: self-monitoring (2022), Film, 01:37 Minuten

A little more personal (2022), Jacquardweave, 145 x 190 cm;  Photos by Constanza Camila Kramer Garfias

A little more personal (2022), Jacquardweave, 145 x 190 cm

Photos by Constanza Camila Kramer Garfias

Transverberation (2022), Jacquardweave, 145 x 200 cm, details; Photos by Constanza Camila Kramer Garfias

Transverberation (2022), Jacquardweave, 145 x 200 cm, details;

Photos by Constanza Camila Kramer Garfias